Sarah Kuttners Debütroman “Mängelexemplar” zählt zu den wenigen aktuellen Bestsellern, die sich spannend lesen, obwohl letztendlich wenig geschieht im äußeren Leben der Protagonistin, Karo. Im Roman wie im Erleben Karos dreht sich alles um psychische Vorgänge, Verhaltensmuster, Entwicklungsprozesse.
Karo ist eine junge Frau, deren hippes Leben unerwartet aus den Fugen gerät, als ihr gleichzeitig Job und Freund abhanden kommen. Plötzlich schwindet der äußere Glanz und von innen bahnt sich ein teuflisches Gemisch aus Angst und Depression seinen Weg. Karo sucht einen Psychiater auf, landet schließlich in Psychotherapie bei Annette. Beinahe klischeehaft werden hier die Beziehung zur Mutter, zum Vater durchgearbeitet, auch die Geschichte vom übergriffigen Onkel findet ihren Platz. Und doch nehmen selbst diese Themen eine überraschende Wende in Karos Wahrnehmung. Die Schwere liegt nicht unter den Dingen begraben, die augenscheinlich sind, sondern ganz woanders und viel unspektakulärer.
Der Roman liest sich trotz dieser gewaltigen Thematik nie schwer. Karo ist eine lustige, chaotische Frau, die den Leser zum Schmunzeln, ja sogar zum Lachen bringt. Ihre Geschichte kommt mit umwerfendem Charme und überzeugender Komik daher, durchbricht dennoch die Oberfläche und macht nachdenklich. Im einen Moment beobachtet der Leser distanziert Karos Geschichte, im nächsten bereits wird er mit in die Tiefe gerissen und schnellt dann ebenso wieder daraus hervor. In derselben Konsequenz ist das Ende der Geschichte weder tragisch noch kitschig.
Ein Buchtipp nicht nur für junge Leute um die 30, die in einer hektischen Welt, in der Reizüberflutung und Äußerlichkeiten den Alltag dominieren, leicht den Zugang zu sich selbst verlieren können.
